Was hilft in krisenhaften Zeiten, wenn die Bedrohungslage sich vor einem auftürmt wie ein hoher, dunkler und undurchdringlicher Berg? Im von Dayeon Auh illustrierten Bilderbuch Ein Berg – ein Sturz – ein langes Leben erzählt die Künstlerin ein traditionelles koreanisches Märchen vom vermeintlich verhängnisvollen Berg nach und gestaltet es in farbintensiven aussagestarken Bildern. In der Erzählung ist es der Großvater, den auf einmal jeglicher Lebensmut verlässt, der aber aufgrund der Interaktion mit seiner Enkelin wieder neuen Lebensmut fasst. Dieser gelingt es, durch eine kreative Um- bzw. Weitererzählung der lebenseinschränkenden und Furcht einflößenden Sage um den Berg des Grauens eine befreiende Botschaft zu formulieren, die dem Großvater neuen Lebensmut schenkt und ihn aus seiner Lähmung befreit.
Vergleicht man dieses koreanische Märchen mit der Wundererzählung Jesu von der Heilung des Gelähmten, ist es Jesus selbst mit seiner Reich-Gottes-Botschaft, der die Wende in das Schicksal des Gelähmten bringt. An Stelle der damals verbreiteten Vorstellung, dass Krankheit in einem Tun-Ergehen-Zusammenhang stehe und der Kranke aufgrund seiner Schuld selbst dafür verantwortlich sei, räumt Jesus in der Begegnung mit dem Gelähmten zuallererst mit dieser Fehlinterpretation auf, wenn er erklärt: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben (Mk 2,5). Eine solche befreiende Botschaft weckt in dem Gelähmten Lebensfreude, die ihn unbeschwert in die Zukunft gehen lässt.
Die Unterrichtsreihe setzt an der natürlichen Bewegungsfreude von Kindern an. Bewegungsspiele mit der Lerngruppe in der Pause oder auch in Kooperation mit dem Sportunterricht werden angeregt und sollten reflektiert werden. An diesen Vorerfahrungen setzt das Unterrichtsvorhaben an und baut systematisch in einem sprachsensiblen Ansatz einen Wortschatz rund um das Wortfeld gehen/bewegen auf. Im pantomimischen Bewegungsspiel werden die Bewegungsverben eingeübt und der Wortschatz gesichert. Die Kinder können dann den Zusammenhang zwischen der Gefühlslage eines Menschen und seinem Bewegungsverhalten differenziert beobachten und beschreiben und dabei erkennen, dass es z. B. einerseits ein freudiges Herumtanzen und -springen geben kann, andererseits aber auch ein trauriges Erstarren und Sich-Zurückziehen. Ein Psalmvers wie Mit meinem Gott überspringe ich Mauern (Ps 18,30) kann auf diesem Erfahrungshintergrund mit den Kindern ganzheitlich erschlossen und sprachlich erfasst werden.
Das Bilderbuch von Dayeon Auh wird in zwei Unterrichtseinheiten erarbeitet. Am Tiefpunkt der Erzählung, der zugleich der Wendepunkt der Geschichte ist, erfolgt die Zäsur. Die Kinder ergründen die traurige Gefühlslage des Großvaters, reflektieren ihre eigenen Ängste, versetzen sich in die Lage der kleinen Enkelin und suchen nach Lösungen. Durch pantomimische Übungen und bewegungsintensives Figurentheater als Tischtheater erproben die Kinder verschiedene Bewegungsmuster und das spielerische Nacherzählen des Märchens. Die zweite Unterrichtseinheit präsentiert dann die überraschende Wende mit der Neuinterpretation der Legende durch die Enkelin. Die Kinder sind nun in der Lage, die Geschichte in Partnerarbeit frei nachzuerzählen, wobei man differenzierend vorgehen sollte und als Minimalanforderung das Nacherzählen der Seite 18 zur Aufgabe stellen kann. Die Schüler*innen gestalten in kreativer Einzelarbeit den verwandelten Berg des langen und glücklichen Lebens. Mit der abschließenden Aufforderung, sich eine Person zu überlegen, der sie das Bild schenken und das Märchen erzählen, werden die Kinder eingeladen, einen Transfer zu leisten und die Botschaft der Geschichte in ihrem persönlichen Umfeld weiterzuerzählen.
Die dritte Unterrichtseinheit stellt das Erarbeitete in den neutestamentlichen Kontext. Als Christ*innen orientieren wir uns am Handeln und an der Botschaft Jesu, wie sie uns in den Evangelien überliefert ist. Dabei bekommt die Wundererzählung Jesu von der Heilung des Gelähmten durch den unmittelbaren identischen Bezug zur Lähmung eine besondere Bedeutung. Jesu Reich-Gottes-Botschaft findet in dieser Zeichenhandlung, in der Jesus die Fesseln der Erstarrung des Gelähmten löst, seinen Ausdruck. Das Reich Gottes beginnt jetzt. Gott selbst ist es, der den Wendepunkt im Leben des Gelähmten bewirkt und Lebensfreude schenkt. Gott ist anders und besser als einige krankmachende Mythen, die damals wie heute kursieren. Gott schickt keine Krankheiten, um Menschen zu bestrafen, sondern er befreit.
Dass diese befreiende Erfahrung im Geheilten dankbare Freude auslöst und in einem selbst formulierten Dankgebet seinen Ausdruck findet, schließt die Unterrichtseinheit ab. Denkbar ist, dass der Geheilte hierbei auf einen Vers aus dem Psalm 18 der jüdisch-christlichen Tradition zurückgegriffen hat, den die Kinder als Schmuckblatt gestalten können. Die Zeitschrift können Sie in unserem Shop erwerben.