Rückblick Jahrestagung Gymnasium
Vom 19.– 21. November kamen über 80 Personen zur Jahrestagung der gymnasialen Religionslehrer*innen und beschäftigten sich auf vielfältige Weise mit Demokratiebildung in Schule und Unterricht.
Jahrestagung für Gymnasien 2025
Katholische Kirche und Demokratie? Geht das? Oder: Was kann der Religionsunterricht zur Demokratiebildung beitragen?

Quelle: Carola Schreiner
Die diesjährige Jahrestagung in Rastatt hatte das aktuelle Thema „Gesichter des Christentums heute – Beiträge des Religionsunterrichts zur Demokratiebildung“. In der öffentlichen Wahrnehmung wird ja nicht ganz zu Unrecht ein großes Fragezeichen beim Thema Kirche und Demokratie gesetzt. Gilt dies auch für den von den Kirchen verantworteten Religionsunterricht? In gewohnter Weise näherten wir uns auf der Tagung dem Thema in einem Dreischritt: Intellektuelle Durchdringung mit Hilfe von anspruchsvollen Vorträgen, Arbeitskreise von Kolleginnen und Kollegen und externen Fachleuten und dem kollegialen Austausch zwischendurch. Hervorragend und mit viel Herzblut organisiert und geleitet wurde die gesamte Tagung durch Laura Mayer, Referentin für Gymnasien am IRP, und Michael Längle, Vorsitzender des VKRF. Beiden großen Dank dafür!
Der Mittwoch begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Detlef Pollack. Er kam eigens für diesen Vortrag aus Berlin mit dem Zug angereist! Herr Pollack ist Soziologe und erwies sich als engagierter Protestant mit fundierten Kenntnissen katholischer Ekklesiologie. Die historische Genese der Trennung von Staat und Kirche wurde kurz gestreift, um dann zum Kern vorzudringen. Nach Ansicht von Herrn Pollack ist die katholische Kirche aufgrund ihrer Ekklesiologie, ihrer Ämterstruktur und Sakramentenlehre nur begrenzt offen für eine innere Demokratisierung, da diese ab der Moderne auf Mehrheitsentscheidungen und Volkssouveränität beruht. Dennoch sieht er Möglichkeiten, demokratische Elemente in verschiedenen Ebenen zu stärken, eine Fundamentaldemokratisierung wie in manchen evangelischen Kirchen schließt er für die katholische Kirche jedoch aus. Den spezifischen Beitrag des RU sieht er im Wachhalten von fundamentalen Überzeugungen, z.B. dem christlichen Menschenbild.
Die jährliche offene Mitgliederversammlung am Mittwochabend zeigte wieder, wie erfolgreich und wichtig die Verbandsarbeit ist. Leider steht dem Verband ein erheblicher Mitgliederschwund bevor, da die „Boomer“ in den Ruhestand gehen, deshalb auch hier gerne Werbung für eine Verbandsmitgliedschaft! Der Donnerstag ist traditionell der intensivste Tag der Tagung. Der Hauptvortrag des Tages von Professorin Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer aus Freiburg setzte sich mit dem erstarkendem Rechtspopulismus und Fundamentalismus auseinander. Frau Nothelle-Wildfeuer skizzierte Themenfelder des Rechtspopulismus und mögliche Konflikte mit grundlegenden christlichen Positionen. Sie rief auf zur Unterscheidung der Geister, damit das Evangelium nicht (erneut) zur Rechtfertigung von Ausgrenzung, Inhumanität und Autoritarismus missbraucht werde. Interessant waren auch die Hinweise auf den sog. „christlichen Integralismus“, die Idee eines autoritären katholischen Gottesstaates und die Katechon Ideen des Milliardärs Peter Thiel, der auf der Suche nach dem Antichristen in den USA ist und dabei als Kollateralschaden die Demokratie gefährdet.
Die Arbeitskreise am Donnerstag und am Freitag vertieften wie gewohnt das Thema der Tagung in unterschiedlichen Schwerpunkten. Matthias Hirt suchte nach Möglichkeiten religiöser Erfahrung in einer säkularisierten Gesellschaft, Dr. Judith Baßler-Schipperges und Susanne Rosenberger setzten sich mit Fundamentalismen in den Religionen auseinander, Dorothée Kissel bot die Gelegenheit zum Selbststudium von Theologien des Globalen Südens, Thomas Dieterle, Katharina Vogler, Lilli Wenzel-Tauber warben für die Kooperation zwischen youngcaritas und Schule. Ordinariatsrätin Susanne Orth bot Gespräche zu aktuellen Problemen im RU an, Dr. Dr. Fabian Freiseis führte in die komplexe Thematik des Antisemitismus ein, und Laura Mayer stellte ein praxiserprobtes Unterrichtsmodell zur Geschlechtervielfalt und dem Umgang mit den biblischen Grundlagen dazu vor. Im Sinne des Oberthemas der Tagung waren hier viele Bausteine für Demokratiebildung im RU zu finden, z.B. die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Rahmen der youngcaritas oder die Sensibilisierung für den Umgang mit Schülerinnen und Schülern und ihrer Geschlechtsidentität. Vielen Dank allen Leiterinnen und Leitern der Arbeitskreise, die wieder sehr engagiert ihre Themen vorbereitet hatten!
Das traditionelle Podium der kirchlich und staatlich Verantwortlichen verlief wenig aufgeregt, da die großen Fragen entschieden sind oder noch anstehen. Vertreten auf dem Podium waren Weihbischof Dr. Dr. Würz, Ordinariatsrätin Susanne Orth, Felix Eisenbeis (RP Freiburg), Matthias Hirt (ZSL-Landesfachteamkoordinator), Andreas Wronka (RP Karlsruhe) und Dr. Sabine Mirbach (Direktorin IRP Freiburg). Das G9 kommt, Religion ist gut vertreten, die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts steht zumindest vorerst nicht zur Debatte. Dennoch ist ein solches Podium gut und hilfreich, da hier immer wieder auch Wertschätzung für die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen vermittelt wird und Gelegenheit zu Fragen besteht. Ein aktuelles Thema war z.B. die Nachqualifizierung von staatlichen Lehrkräften, um katholische Religionslehre in der Sekundarstufe I unterrichten zu können.
Die Tagung in Rastatt lebt vom Miteinander und Ineinander verschiedener Ebenen und Bereiche. So ist es gute Tradition, eine Morgenandacht anzubieten und am Donnerstagabend gemeinsam Eucharistie zu feiern. Dies zeigt die spirituelle Verbundenheit miteinander und die gemeinsame Grundlage unserer Arbeit im immer wieder neuen Hineinfinden in den Glauben und im Leben daraus. Hier geht der Dank an Patricia Nübel, Julia Makowiecki und Gereon Burstner sowie allen Musizierenden für die Gestaltung. Das Miteinander findet sicherlich seinen Höhepunkt im festlichen Abendessen und dem geselligen Beisammensein. Florian Luft unterhielt uns sehr abwechslungsreich mit einem Pub-Quiz! Herzlichen Dank dafür! Der festliche Abend ist ein würdiger Rahmen für Verabschiedungen. Diesmal wurden Dr. Wolfgang Michalke-Leicht verabschiedet, der früher IRP Referent war, viele Arbeitskreise in Hohritt und dann Rastatt geleitet hat, das Schulbuch Mittendrin herausgibt und bis Ende des Schuljahres Schulleiter am Goethe-Gymnasium in Freiburg ist. Außerdem wurden unsere geschätzten Kolleg*innen und eifrigen Tagungsbesucher*innen Peter Galli und Carola Schreiner, die sogar unsere Tagung lange als Fotografin begleitete, verabschiedet.
Ein letzter Höhepunkt war sicherlich der Vortrag von Prof. Dr. Paul Platzbecker. Aus Bochum zugeschaltet konkretisierte Herr Platzbecker das Thema der Tagung auf den RU hin. Natürlich sei der RU ein Ort der Demokratiebildung, da dem RU ein Menschenbild zugrunde liegt, das unverzichtbar für die Demokratie ist. Es geht hier um die unveräußerliche Würde des Menschen, die sich aus der Gottesebenbildlichkeit herleiten lässt und um Solidarität, die sich aus dem Gebot der Nächstenliebe herleiten lässt. Demokratiebildende Kompetenzen erwerben Schülerinnen und Schüler durch die Inhalte, durch den Umgang miteinander im RU und durch die Berücksichtigung des Koblenzer Konsents, der in Anlehnung an den Beutelsbacher Konsens u.a. Kontroversitätsgebot, Transparenzgebot und Ambiguitätstoleranz vorsieht. Der RU kann einen echten Beitrag zur Demokratiebildung leisten, aber hier wird noch weitere Arbeit zu tun sein, um dies vor Ort an den Schulen zu verankern. Es bleibt sicher eine Herausforderung, aber eine lohnende, wie sich auf dieser hervorragenden Tagung zeigte.
Dietmar Aufmkolk, Teilnehmer